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Bericht: 

Ein Situationsbericht aus Rio de Janeiro

von Ulrich Wisskirchen


Mich hat an Rio de Janeiro vieles fasziniert.Die Läden sind lange geöffnet. Auch um Mitternacht kann man noch einkaufen gehen. Überall wird man bedient. Im Supermarkt stehen Männer und Frauen an der Kasse und verpacken die Ware. Wenn man nichts tragen möchte, dann gibt es Kuriere, die mit Fahrrad, Motorrad oder Auto die Sachen nach Hause bringen.

Einmal habe ich erlebt, dass einer dieser Helfer beim Transport ein Ei kaputt gemacht hat. Er hat beim Auspacken alles, was irgendwie verschmutzt war, mit einem Tuch gesäubert, die Waren in den 3. Stock getragen und nach einer halben Stunde war ein unbeschädigter Karton mit Eiern da.

   
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Rio de Janeiro

Wenn man abends was essen wollte, rief man im Laden an, bestellte, was man brauchte und nach kurzer Zeit waren die Sachen da!

Diese Kundenfreundlichkeit hat mich fasziniert. Ich weiß, dass diese Helfer mit dem Lohn kaum überleben können, aber sie haben Arbeit! Das ist in einem Land, wo es kaum Arbeitslose gibt, weil es kaum Arbeitslosenversicherung oder Sozialhilfe gibt, schon wichtig.

 
Rio de Janeiro

In der Favela Rocinha fragte der Leiter der Musikschule ein Mädchen, die Schülerin in der Schule war, warum sie nicht mehr komme. Sie antwortete, dass sie arbeiten müsse und nun keine Zeit mehr habe!

Jeder Erwerbsfähige muss sich selbst um seinen Lebensunterhalt kümmern. Das Armenviertel Rocinha in Rio de Janeiro gilt als der größte urbane Slum Lateinamerikas.
Auf einem Areal von 800 000 qm leben zwischen 200 000 und 400 000 Menschen in drangvoller Enge: Pro Person stehen ca. 1,6 qm Wohnraum zur Verfügung.

   
Rio de Janeiro

Zum Vergleich: Maria-Thann hat eine Fläche von 784 ha das sind 7.840.000 qm , also eine fast 10 mal größere Fläche! Was aus einiger Entfernung bunt und malerisch wirkt, ist in der Realität ein wildes und ungeplantes Durcheinander von Häusern, Hütten und Verschlägen: Kanalisation und Müllabfuhr fehlen; Trinkwasser gibt es nur an wenigen Stellen. Im Armenviertel selbst, in Brasilien Favela genannt, gibt es noch einmal ein starkes soziales Gefälle.

In den oberen und in den Randbereichen des Viertels, wo die Hänge besonders steil sind, sieht es so aus wie auf diesen Fotos Hier sind die Notquartiere der Zugereisten, etwa der Landvertriebenen aus dem brasilianischen Nordosten, der besonders kinderreichen Familien ohne das geringste Einkommen. Hier sind die Unterkünfte der sozial Schwächsten zu finden, die von Tag zu Tag ums nackte Überleben kämpfen.

   
Rio de Janeiro
In den Favelas ist immer was los. Jeder Bewohner muss schauen, wie er überlebt. Der eine sammelt Plastiktüten, der andere Getränkedosen. Da in den Favelas keine Autos fahren können, gibt es Lastenträger, die Baumaterial von unten nach oben schleppen. Für den Personentransport vom unteren Teil der Favela in den oberen Teil gibt es Motorradtaxis. Es gibt Zahnärzte, Friseure, Metzger, Bäcker, Schreiner in den Favelas. Es herrscht ein reges Treiben, alles sieht geschäftig aus. Bei zwei Besuchen in den Favelas habe ich eine Gier nach Leben, nach Überleben gespürt. Alles sah faszinierend chaotisch aus. Eine Unzahl von Stromleitungen übereinander. Irgendwo wird ein Strommast angezapft und so der Strom organisiert. Auch Wasserleitungen werden irgendwie verlegt. Nichts wird befestigt, nichts sieht geplant aus. Aber mich hat verwundert, dass es funktioniert.
   
Rio de Janeiro

In Rio sah vieles improvisiert aus aber es hat halbwegs funktioniert. Ich fuhr öfters am unteren Bereich der Favela Rocinha vorbei. Spät abends, morgens - immer war was los. Nach meinen Vorinfomationen hatte ich mir in den Favelas das reine Durcheinander vorgestellt, erwartete einen Schock. Ich hatte Anarchie, Chaos erwartet. Ich erlebte Enge, Gedränge, Geschäftigkeit, eine Flut von Eindrücken, Gerüchen, Geräuschen. Aber ich war nicht schockiert. Ich hatte das Gefühl, dass hier etwas funktioniert, gerade weil der Staat nicht eingreift. Jeder ist für sich selbst verantwortlich, jeder schaut, dass er überleben kann.

Was mich gestört hat, das waren Müllablagerungen überall. Ein kleiner Fluss, der durch die Rocinha fließt, ist zur Kloake, zu einem wassergetränkten Müllbecken verkommen. In einer anderen Favela ist ein idyllisches Felsgebiet, das an manchen Stellen mit Moos und Tropenpflanzen bewachsen ist, mit Müll überdeckt, nur manche Stellen sind noch etwas frei. Es war Winter, als ich in die Favelas gelangte und kaum 30°C warm. Es roch nach Müll. Ich kann mir vorstellen, dass das im Sommer bei über 40°C unangenehm riecht, ja stinkt. Außerdem muss das ein Tummelplatz für Ratten sein, ein ideales Brutgebiet für alle möglichen Krankheitserreger. Das passt in meinen Kopf nicht hinein: dass nicht jeder seinen Müll selbst entsorgt und ihn nicht einfach in die Landschaft wirft. Aber fasziniert hat mich diese Geschäftigkeit, diese Verantwortung, für sich selbst zu sorgen.

   
Rio de Janeiro

In den Favelas gibt es Häuser, die mit Fliesen verkleidet sind, aber auch Bretterbuden. Es ist eine Stadt in der Stadt.

Wer die Gesichter von Kindern aus dem Elendsviertel Rocinha sieht, mag sich nicht vorstellen, wodurch eine Kindheit im Elendsviertel Rocinha gekennzeichnet ist: Anfälligkeit für Krankheiten durch Mangel an Hygiene und Gesundheitsvorsorge, Fehl- und Unterernährung mit oft irreparablen Gesundheitsschäden Frühkindliche Störungen durch die drangvolle Enge zuhause Ungeregelter Schulbesuch oder schulische Fehlleistungen. Keinerlei Angebot für berufliche Bildung oder Ausbildung Gefahr ins Straßenmilieu abzugleiten (Drogen, Prostitution). Brasilien gehört zu den Ländern mit den fortschrittlichsten Statuten für die Rechte des Kindes weltweit.

Erstklassige Schulen stehen zur Verfügung aber nur für die, die dafür bezahlen können. Was aber nutzt die gesetzliche Garantie auf schulische Bildung der armen Bevölkerungsmehrheit, wenn es viel zu wenig öffentliche Schulen gibt, wenn sie weit entfernt sind von den Slums der Armen, wenn sie wegen ständiger Streiks chronisch unterbezahlter und schlecht ausgebildeter Lehrer über lange Zeitläufe geschlossen sind, wenn die Eltern das Geld für Schulbücher nicht aufbringen können oder die Kinder von der Schule fernhalten, weil sie zur Sicherung des Familieneinkommens beitragen müssen? Fazit: Brasilianische Kinder aus armen Verhältnissen haben selten eine Chance auf eine ausreichende Schulbildung. Damit fehlt ihnen das Fundament für einen aussichtsreichen Start ins Berufs und Erwerbsleben; sie bleiben Menschen zweiter Klasse.

   

Rio de Janeiro

Rio de Janeiro

Warum muss es nun unbedingt eine Musikschule sein?

Ulrich Koch, der Begründer der Musikschule in der Rocinha: "Diese Kinder brauchen Hilfe! Aber nicht nur, indem wir zur Verbesserung ihrer Ernährung, Wohnung, Kleidung und ihrer Berufschancen beitragen. Sondern auch, indem wir uns ihrer seelischen Nöte annehmen, indem wir ihnen helfen, ihre Kreativität, ihr Talent zu entdecken und zu entfalten und damit zu ihrer Persönlichkeitsentwicklung beitragen und ihrem Wunsch nach Achtung und Anerkennung entgegenkommen.

All dies können wir über die musische Bildung leisten!" Ich habe im August die Schule besucht. Die Musikschüler veranstalteten für einige Besucher ein kleines Konzert. Ich habe erlebt, dass diese Kinder mit Feuereifer bei der Sache, der Musik sind. Trotz widrigster Umstände üben sie.

Das uns gebotene Konzert entsprach dem, was bei uns an den Musikschulen geboten wird. Es hat mich sehr beeindruckt. Die Kinder wollen lernen und lassen sich auch von den ganzen Problemen, den Widrigkeiten abhalten!

   

Ulrich Wisskirchen ist Kunstschaffender, Instrumentenbauer und Lehrer. Er unterrichtet in Schwaben. Zusammen mit Max Geßler und einigen Kollegen unterstützen sie die Escola de Música in der Favela Rocinha von Rio de Janeiro. Die Musikschule setzt sich dafür ein, daß Kinder die sonst keinen Schulbesuch ermöglicht bekommen, unterrichtet werden.

Im Sommer 1999 besuchte Ulrich Wisskirchen die Escola de Música von Rio. Mit seinem Kollegen Klaus Müller hielt er eine Fortbildungsveranstaltung für Lehrer der Grundschule. Außerdem arbeitete er an der Deutschen Schule in Rio an dem Projekt "Deutsch-brasilianischer Märchengarten" mit.

   
   
   

 


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© 2000 Elisabeth Geßler